Ein blog über kunst und literatur von und mit dem künstler und dichter Murat Kayali.
Von Annette Großbongardt
Elif Shafak gehört zu den jungen Stars der türkischen Literaturszene - in ihrem Roman "Der Bonbonpalast" beschwört sie das multikulturelle Istanbul.
Es ist schon eine merkwürdige Hausgemeinschaft, die sich da mitten in Istanbul zusammengefunden hat: im Keller der Hausmeister Musa, dessen Frau so abergläubisch ist, dass sie überall in der Wohnung Amulette und Gebetstafeln aufgehängt hat und bei Tisch stets ein Stück Brot neben sich legt, um die Blicke der Neider zu sättigen. Im Erdgeschoss üben die Zwillinge Cemal und Celal ihr Friseurhandwerk aus, neben dem frommen Hausverwalter Hadschi Hadschi, der seinen Enkeln stets Heiligensagen aus der Osmanenzeit erzählt. Oben wohnt ein versoffener, frisch geschiedener Akademiker, der mit seiner Nachbarin, der Mätresse eines Olivenölhändlers, anbändelt. Dann gibt es noch die Hausfrau Nadja, die keine Folge der TV-Seifenoper "Oleander der Leidenschaft" verpasst, bis sie herausfindet, dass ihr Mann ausgerechnet mit der Synchronsprecherin der Hauptfigur fremdgeht.
Skurril ist auch die Geschichte des grauen Hauses, das 1966 auf eingeebneten Grabfeldern gebaut und von der Frau des russischen Bauherrn aus einer Laune heraus Bonbonpalast getauft wurde, obwohl es wegen seiner vielen Kakerlaken und dem Müllgestank besser Flohpalast heißen sollte.
Diesen irren Mikrokosmos hat Elif Shafak zum Schauplatz ihres jüngst auf Deutsch erschienenen Romans gemacht. "Der Bonbonpalast", der die Lebensgeschichten der Mieter miteinander verwebt, ist ein Symbol für Istanbul, diese riesige, schillernde Stadt zwischen Ost und West, wo Muslime, Juden und Christen, Türken, türkische Griechen, Armenier, Kurden und zugereiste Ausländer, Bauern und Großstädter, Tagelöhner und Milliardäre in einem bunten Kulturgemisch zusammenleben. "Istanbul", so sinniert eine der Romanfiguren, gleicht "einer hochschwangeren Frau, die mehr zugenommen" hat, "als sie tragen" kann.
Hier am Bosporus lebt auch Shafak, 36, eine der interessantesten und ungewöhnlichsten Autorinnen der jüngeren türkischen Literaturszene. Die Tochter einer Diplomatin wuchs in Europa und Jordanien auf, studierte in der Türkei, lehrte und lebte einige Jahre in den USA, und diese Biografie spiegelt sich in ihrem Werk. Shafak ist eine Pendlerin zwischen den Kulturen, eine kosmopolitische Erzählerin, die das jahrzehntelang verdrängte osmanische Erbe ihres Landes lustvoll wiederentdeckt.
"Lange dachten wir, um schnellstmöglich so zu werden wie der Westen, müssten wir die östliche, islamische Seite unserer Kultur ganz abschütteln", bemerkt Shafak. Das war in ihren Augen ein Irrtum: "Wir sind die Enkel des Osmanischen Reiches mit seiner ganzen kulturellen Vielfalt."
Schon als junges Mädchen fing sie an zu schreiben, mit ihrem Romandebüt, "Pinhan" (Der Verborgene, 1998), in dem sie die Geschichte eines Hermaphroditen in einem Derwischkloster des 16. Jahrhunderts erzählt, heimste sie ihren ersten Preis ein. Es sind die Grenzgänger, gespaltene Identitäten, Menschen, die schräg im Leben stehen, die sie interessieren. In ihren Büchern leuchtet sie die Randbezirke der Gesellschaft aus, wagt sich an Hässliches, Peinliches, bricht Tabus.
In ihren inzwischen sechs Romanen schreibt sie über die Liebe zwischen einer wahnsinnig dicken Frau und einem Zwergenmann, die Vergewaltigung eines Kindes, über eine jüdische Familie aus Spanien, die vor der Inquisition nach Istanbul flieht, einen türkischen Politologie-Studenten, der viel trinkt, auf Auslandssemester in Boston aber in einer WG mit einem gottesfürchtigen Marokkaner lebt und sich in eine bisexuelle Amerikanerin verliebt. In ihrem jüngsten, noch nicht übersetzten Werk "Schwarze Milch" setzt sie sich mit dem heiklen Thema der postnatalen Depression auseinander - und offenbart, dass sie selbst darunter litt, als sie 2006 ihr erstes Kind bekam.
Ihr Roman "Der Bastard von Istanbul", in dem sie die Massenmorde an den Armeniern im Osmanischen Reich thematisiert, brachte ihr den Hass der türkischen Nationalisten ein. Sie kam sogar, genau wie Orhan Pamuk, vor Gericht wegen vermeintlicher "Verunglimpfung des Türkentums".
Als der Prozess im September 2006 stattfand, brachte sie gerade ihre Tochter zur Welt. Im Krankenzimmer sah sie die Nachrichten über Tumulte vor Gericht, sah, wie nationalistische Ultras auf ihr Foto spuckten und sie als "Bastard der EU" beschimpften. "Diese Bilder werde ich nie vergessen", sagt sie. Sie wurde freigesprochen, musste aber lange Zeit von einem Bodyguard beschützt werden, wie etliche andere Schriftsteller, die vor Gericht gestellt worden waren. "Die Türkei ist ein Land, in dem einen Worte in Schwierigkeiten bringen können und das immer hart mit seinen Schriftstellern umgegangen ist", sagt die Autorin, "aber gleichzeitig ist es so ungemein stimulierend und bereichernd. Die türkische Gesellschaft ist vielgesichtig, sehr wandlungsfähig und zukunftsorientiert."
Shafak ist eine der wenigen türkischen Linken, die sich für Religion begeistern. Besonders islamische Mystik und Spiritualismus, der Sufismus, haben es ihr angetan. Immer wieder tauchen in ihren Geschichten Derwische auf - die Anhänger eines Sufi-Ordens - sowie der Großmeister Mevlana, einer der bedeutendsten muslimischen Mystiker und Dichter des Mittelalters. Auch Dschinns, häufig böse Geisterwesen, die den Menschen plötzlich packen, bevölkern ihre Geschichten. Im "Bonbonpalast" etwa lebt ein kleiner, seltsamer Junge, den sein gottesfürchtiger Großvater für einen Dschinn hält. Der Großvater wiederum erzählt gern die Geschichte vom Derwisch, der sich 1453 bei der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen opferte.
Die Begegnung mit anderen Kulturen seit ihrer Kindheit hat nicht nur ihren Horizont gedehnt, sondern ihr auch einen entspannten Blick auf die eigene Heimat verschafft. So darf im "Bonbonpalast" ein Taxifahrer über die Türken lästern: "Wir sind nun mal ein durchgedrehtes Volk, besonders die Frauen total verrückt." Und die russische Tante einer der Hausbewohnerinnen ätzt: "Bevor ich einen Türken heirate, würde ich lieber jeden Morgen einen vollen Aschenbecher auf nüchternen Magen auslecken."
Die Romane Shafaks spielen hauptsächlich in der für sie wichtigsten Stadt - Istanbul. "Wer ein ruhiges, gemütliches Leben leben will, für den ist es sicher nicht der richtige Platz", sagt sie lachend. Aber für Schriftsteller sei die Metropole ein Traum - anregend, widersprüchlich, voller Geschichten.
Im "Bonbonpalast" lässt sie eine alte, etwas verrückte Dame mit blondierten Haaren, die von allen "Tantchen Madam" genannt wird, jeden Morgen und jeden Abend auf dem Balkon sitzen, um dem Rauschen der Stadt zu lauschen. Und wenn ihr jemand "angeboten hätte, noch einmal auf die Welt zu kommen, wie und wo sie wollte, hätte sie sich erneut für ein Leben in Istanbul entschieden, aber dieses Mal nicht als Mensch, sondern als Möwe".