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Wislawa Szymborska

 
Wislawa Szymborska
Trägerin des Nobelpreises für Literatur 1996.
            Die  Dichterin wurde 1923 in Bnin bei Posen geboren  und lebt seit 1931 in   Krakau, wo sie auch Polonistik und Soziologie studierte.  In den 50 Jahren ihres literarischen  Schaffens hat die in Polen hochgelobte Lyrikerin 16 Gdichtbände veröffentlicht. In Deutschland sind die Titel "Salz" (1973), "Deshalb leben wir" (1980), "Hundert Freuden" (1986) und "Auf Wiedersehn. Bis morgen" (1995) erschienen. In klassisch einfacher Sprache werden Lösungen menschlicher Grundprobleme gesucht. Genauigkeit der Beobachtung, Klarheit und Einfachheit sind dabei ebenso kennzeichnend für den Stil der Wislawa Szymborska, wie Reichtum der Formen und Bilder. Ihre Poesie ohne großes Pathos, ihre Lyrik mit der Faszination der banalen Wahrheit ist ebenso anspruchsvoll wie unprätentiös, ebenso schlicht wie elegant. Die Zeitschrift "Kultura" schrieb bereits im Jahre 1970: Wislawa Szymborska besäße eine der seltensten Gaben - sie verfüge über die "Weisheit der Poesie".
Bereits 1991 ehrte die Stadt Frankfurt am Main die "große Humanistin Europas" mit dem Goethe-Preis. Zudem ist sie Trägerin des Herder-Preises und des Preises des polnischen PEN-Clubs. Zu ihrer großen Auszeichnung befragt, antwortete  Szymborska auf bescheidene Weise: "Ich freue mich enorm, bin aber auch erschrocken. Es ist eine Aszeichnung für die ganze polnische Poesie."
Ihre Freude  über den Nobelpreis möchte die Literatin vor allem auch mit ihrem Übersetzer teilen. Karl Dedecius, Kenner und Liebhaber der polnischen Literatur, hat ihre Werke mit literarischem Feingefühl ins Deutsche übertragen, zum Teil herausgegeben und auch kommentiert.





Unschuld

Gezeugt auf einer Matratze aus Menschenhaar.
Gerda. Erika. Vielleicht Margarete.
Sie weiß, wirklich, sie weiß davon nichts.
Diese Art von Information taugt
weder erteilt noch hingenommen zu werden.
Griechische Erinnyen sind allzu gerecht.
Reizen würde uns heute ihre vogelgestaltige Übertreibung.

Irma. Brigitte. Vielleicht Friederike.
Sie ist zweiundzwanzig oder auch nicht viel älter.
Sie beherrscht drei Fremdsprachen unentbehrlich auf Reisen.
Die Firma, in der sie arbeitet, empfiehlt für den Export
die besten Matratzen nur aus Kunstfasern.
Der Export verbindet die Völker.

Berta. Ulrike. Vielleicht Hildegard.
Keine Schönheit, jedoch groß und schlank.
Wangen, Hals, Brüste, Oberschenkel, Bauch
in voller Blüte und dem Glanz des Neuen.
Freudig und barfuss auf den Stränden Europas
löst sie ihr helles Haar auf, lang bis zu den Knien.

Ich rate davon ab, es abzuschneiden - sagte ihr Friseur
Einmal abgeschnitten, wächst es so üppig nie nach.
Sie können es mir glauben.
Das ist eine Tatsache, bewiesen
tausend- und tausendmal.


 


 

Männerwirtschaft

Er gehört zu den Männern, die alles selber machen wollen.
Man muss ihn lieben mit seinen Schubladen, Regalen, den übervollen.
Zusammen mit allem, was auf den, in den und unter den Schränken.
Ein Ding, das für nichts zu gebrauchen ist, kann er sich nicht denken.
Bohrer, Hammer, Zangen, Meißel, Tiegel und Ampullen,
alte Regenschirme, Knäuel von Schnüren und Spulen,
ausgepresste Tuben, vertrocknete Kleister,
große und kleine Gläser, in denen trüb was geistert,
ein Sortiment von Steinen, ein Amboss, eine Zwinge,
ein Wecker und aus ihm herausgefallene Dinge,
ein toter Käfer im Seifenbecken, eine leere Flasche ohne Pfropf,
darauf ein eigenhändig gemalter Totenkopf,
kurze und lange Latten, Stecker, Dichtungen, ein Spray,
drei Wasserhuhnfedern vom masurischen Mamry-See,
einige Sektkorken gefangen im Zement,
zwei Glasstücke verrußt bei einem Experiment,
ein Haufen von Brettern und Stäbchen, Kartons und Platten,
die nützlich sein werden oder ihren Zweck schon hatten,
irgendwelche Griffe, Lederreste, Stofffetzen in Hülle und Fülle,
Schlüssel, Nägel und eine sehr knabenhafte Zwille...
Wie wärs - fragte ich -  verzichten wir auf das eine oder andere Stück?
Der Mann, denn ich liebe, schaute mich an mit einem strengen Blick.


 


 

Negativ

Am grauen Himmel
ein Wölkchen noch grauer
im schwarzen Saum der Sonne.

Links - das heißt: rechts
ein weißer Kirschenzweig mit schwarzen Blüten.

In deinem dunklen Gesicht helle Schatten.
Du hast dich an den kleinen Tisch gesetzt
und darauf ergraute Hände
gelegt.

Du machst den Eindruck eines Spuks,
der versucht, die Lebenden zu rufen.

(Weil ich noch zu ihnen zähle,
bin ich ihm schuldig zu erscheinen und zu pochen:
Gute Nacht - das heißt: Guten Tag,
Ade - das heißt: Willkommen.
Und ihm Fragen auf keine Antwort vorenthalten,
wenn sie das Leben betreffen,

das heißt: den Sturm vor der Stille).


 



 






Ein Beitrag zur Statistik

Von hundert Leuten:

Besserwisser
- zweiundfünfzig,

unsicher auf Schritt und Tritt
- fast der ganze Rest.

hilfsbereit,
wenn es nicht zu lange dauert
- ganze neunundvierzig,

immer gutmütig,
denn sie können es nicht anders
- vier, na vielleicht fünf,
fähig zu bewundern ohne Neid
- achtzehn,

irregeleitet
durch die Jugend, die vergeht
- plus minus sechzig,

mit denen nicht zu scherzen,
- vierzig und vier,
die in ständiger Furcht leben
vor jemandem oder etwas
- siebenundsiebzig,

mit einer Begabung für das Glück
- höchstens über zwanzig,

einzeln ungefährlich,
wild in der Masse
- sicher über die Hälfte,

grausam,
wenn die Umstände sie zwingen
- das sollte man besser nicht wissen
auch nicht annähernd,

aus Schaden klug
- nicht viel mehr
als klug vor dem Schaden,

die dem Leben nichts abgewinnen außer Sachen
- dreißig,
obwohl ich mich gern irrte,

geduckt, leidend
und ohne Taschenlampe im Dunkeln
- dreiundachtzig
früher oder später,

gerecht
- ziemlich viele, weil fünfunddreißig,

wenn diese Eigenschaft sich verbindet
mit der Mühe zu begreifen
- drei,

bemitleidenswert
- neunundneunzig,

sterblich
- hundert von hundert.
Eine Zahl, die bislang unverändert bleibt.


 



 




Etwas über die Seele


Die Seele hat man gelegentlich.
Niemand hat sie ohne Unterlass
und auf Dauer.

Tag um Tag,
Jahr um Jahr
kann ohne sie vergehen.

Nur in der Begeisterung
und den Ängsten der Kindheit
nistet sie sich manchmal auf länger ein.
Manchmal nur im Befremden,
dass wir alt geworden sind.

Selten begleitet sie uns
bei mühseligem Tun
wie Möbelrücken,
Kofferschleppen
oder weiten Wegen in engen Schuhen.

Beim Ausfüllen von Fragebögen
und Fleisch hacken
hat sie in der Regel frei.

Von tausend unserer Gespräche
beteiligt sie sich nur an einem,
und das auch nicht unbedingt,
denn sie liebt es zu schweigen.

Wenn unser Körper beginnt, uns mit Schmerzen zu plagen
stiehlt sie sich heimlich aus dem Dienst.

Sie ist wählerisch:
ungern sieht sie uns in der Masse,
unser Kampf um kleine Vorteile
und schnatternde Geschäfte.
widert sie an

.


Freude und Trauer
sind für sie keine unterschiedlichen Gefühle.
Nur wenn sie sich verbinden,
wohnt sie uns bei.

Wir können auf sie zählen,
wenn wir uns keiner Sache sicher sind
und auf alles neugierig.

Von den materiellen Dingen
liebt sie Pendeluhren
und Spiegel, die beständig arbeiten,
auch wenn niemand hinschaut.

Sie sagt nicht, woher sie kommt
und wann sie uns wieder verlässt,
aber sie wartet offensichtlich auf diese Frage.
Es hat den Anschein,
dass so wie sie uns,
auch wir
sie zu etwas brauchen.


 



 


Im Überfluss

Ich bin wer ich bin.
Unbegreiflicher Zufall
wie jeder Zufall.

Andere Ahnen
könnten doch die meinen sein,
und auch aus einem anderen Nest
könnte ich ausfliegen,
unter einem anderen Baumstamm
im Schuppenkleid hervorkriechen.

In der Garderobe der Natur
gibt es viele Kostüme.
Das Kostüm der Spinne, der Möwe, der Feldmaus.
Jedes passt sofort wie angegossen
und man trägt es artig
bis zum Verschleiß.

Ich habe es mir auch nicht ausgesucht,
aber ich beklage mich nicht.
Ich könnte jemand sein
viel weniger einzeln.
Jemand aus einem Fischschwarm, Ameisenhaufen, summenden Bienenvolk,
vom Wind gerütteltes Teilchen der Landschaft.

Jemand viel weniger glücklich,
gezüchtet für einen Pelz,
für eine festliche Tafel,

Etwas, was unter Glas schwimmt.

Ein Baum an die Erde gefesselt,
dem sich ein Brand nähert.

Ein Halm zertreten
vom Lauf der unbegreiflichen Ereignisse.

Ein Individuum unter einem dunklen Stern,
der für die anderen strahlt.

Und was, weckte ich in den Menschen Angst,
oder nur Abscheu,
oder nur Mitleid?

Wäre ich geboren
nicht in dem richtigen Stamm
und blieben vor mir verschlossen alle Wege?

Das Schicksal war zu mir
bisher gnädig.
Es könnte mir nicht gegeben sein
die Erinnerung an gute Zeiten.

Es könnte mir genommen sein
der Hang zu vergleichen.

Ich könnte ich selbst sein - jedoch ohne zu staunen,
und das würde bedeuten
jemand ganz anderes.


 



 

 Das Schweigen der Pflanzen

Die einseitige Bekanntschaft zwischen mir und euch
entwickelt sich nicht zum Schlechtesten.

Ich weiß was das ist: ein Blatt, eine Blüte, eine Ähre, ein Zapfen, ein Stengel
und was mit euch geschieht im April und was im Dezember.

Obwohl ihr meine Neugierde nicht teilt,
neige ich mich über manche absichtlich
und zu manchen von euch recke ich den Kopf.

Ihr habt bei mir Namen:
Ahorn, Klette, Leberblümchen,
Heidekraut, Wacholder, Mistel, Vergissmeinnicht,
und ich bei euch keinen.

Wir reisen gemeinsam.
Auf gemeinsamen Reisen spricht man bekanntlich,
tauscht Bemerkungen aus zumindest über das Wetter
oder über Stationen, an denen man geschwind vorüberzieht.

Es fehlte nicht an Themen, denn es verbindet uns viel.
Derselbe Stern hält uns in Reichweite.
Wir werfen Schatten aus demselben Recht.
Wir mühen uns etwas zu wissen, jedes auf seine Weise,
und das, was wir nicht wissen, gleicht sich ebenfalls.

Ich erkläre, wie ich kann, nur fragt:
was kann ich betrachten mit den Augen,
wofür schlägt mein Herz
und warum treibt mein Körper keine Wurzeln.

Aber wie soll man antworten auf nicht gestellte Fragen,
ist man zu allem Überfluss jemand
so sehr für euch ein Niemand.

Büsche, Haine, Wiesen und Sumpfgräser -
alles, was ich euch sage, ist ein Monolog,
und ihr hört ihm nicht zu.

Das Gespräch mit euch ist unerlässlich und unmöglich.
Dringend im hastigen Leben
und verschoben auf nie.


 



 

Die drei seltsamsten Worte

Sage ich das Wort Zukunft,
verabschiedet die erste Silbe sich schon in die Vergangenheit.

Sage ich das Wort Stille,
zerstöre ich sie.

Sage ich das Wort Nichts,
bilde ich etwas, das passt in kein Nichtsein.


© Wisława Szymborska: Aus dem Band "Wiersze wybrane",
Wydawnictwo a5, Kraków, 2000.
Deutsche Übersetzung © Urszula Usakowska-Wolff und Manfred Wolff

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