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Wednesday, 18. january 2012 3 18 /01 /Jan. /2012 13:02

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Die Tischkultur der Osmanen

Die Tischsitten im Osmanenreich
Zweimal am Tag, am späten Vormittag und am Frühabend, kurz vor Sonnenuntergang, versammelte sich die osmanische Familie zum Essen. Aufgetischt wurde nicht in einem eigenen Esszimmer, sondern im Hauptwohnraum des Hauses. Dort nahm man mit unterschlagenen Beinen auf dem Boden Platz. Kissen, Polster und Teppiche boten bequeme Sitzgelegenheiten. In vornehmen Haushalten aßen der Hausherr und sein Harem, also die weiblichen Familienangehörigen, getrennt.

Die Speisen servierte man auf großen runden Holz- oder Metalltabletts (tabla), welche auf dem Boden oder einem niedrigen Untersatz - die gesamte Vorrichtung heißt "safra" und ist auch heute noch gebräuchlich - abgestellt wurden. Die Wohlhabenden ließen das Essen in Schüsseln aus verzinntem Kupfer oder Fayence auftragen, aus denen man gemeinsam aß. Am Sultanshof gab es sogar Gold- und Silbergeschirr sowie solches aus chinesischem Porzellan.

Das einzige Essbesteck war der Löffel, mit dem Suppe und Reis gegessen wurden. Er bestand aus edlem Material, z.B. Elfenbein, Messing, Schildpatt oder Holz, das mit bunter Lack- und Goldfarbe bemalt war. War man auf Reisen, führte man ihn gelegentlich in einem am Gürtel befestigten Futteral mit sich. Seine Benutzung regelten genaue hygienische Vorschriften. Die rechte Löffelhälfte, die “Schöpfseite“ tauchte man ins gemeinsame Essen, aber nur bis zur Mitte des Löffelbodens. Die linke Partie des Löffels, die “Essseite“, führte man an die Lippen. Niemals durfte von der Spitze des Löffels geessen werden. Die übrigen Speisen nahmen die Osmanen mit den Fingern der rechten Hand, die während des Essens mit Servietten und Wischtüchern gereinigt wurden. Danach wuschen sie sich die Hände mit Duftwasser, das mit Moschus, Sandelholz oder Blüten versetzt war. Nach Beendigung der Mahlzeit sprach der Hausherr ein Gebet: “Im Namen Gottes, Gott sei gedankt, Ehre sei Gott.“ Geradezu legendär war die orientalische Gastfreundschaft auch bei den Osmanen. Hatten sie Gäste im Haus, legten sie ihnen während des Essens mit besonderer Höflichkeit und Nachdruck immer wieder nahe, sich erneut zu bedienen. Außerdem war das gemeinsame Mahl von Segenssprüchen auf das Wohl das Gastes begleitet.

Köstlichkeiten aus der osmanischen Küche
Die kulinarischen Traditionen der Osmanen reichen bis in die Gegenwart hinein. Viele Gerichte aus dem Reich des Sultans werden noch heute in ähnlicher Form zubereitet.

Das einfache Volk und die Bauern speisten sehr bescheiden. Hauptnahrungsmittel waren Weizenbrot und -grütze (aş) oder zu "bulgur" verarbeiteter, getrockneter und gekochter Weizen, der auch als Suppe zubereitet wurde. Hirse, Hülsenfrüchte (Kichererbsen, Bohnen, Linsen) und Kastanien, gewürzt mit Salz, Zwiebeln und Knoblauch, ergänzten den Speisezettel. Dazu gab es Joghurt, eine der typischsten Speisen im Osmanischen Reich. Er wurde als Beilage, Suppe, Sauce oder als Getränk (ayran) genossen. Die Osmanen kannten auch bereits den heute noch populären "cacık", einen Joghurt mit Gurken und Knoblauch.

Die Oberschicht bevorzugte anspruchsvollere Mahlzeiten. Ein noch relativ einfaches Diner konnte aus einem Dutzend Gerichten bestehen. Mehrgängige Menüs begannen mit einer Suppe als Vorspeise. Diese stellte man aus einer Fleisch-, Fisch-, Hühnerbrühe oder Joghurt her und tat Reis, "bulgur" oder getrocknete Gemüse und Kräuter dazu.

Als Hauptgang reichte man Fleisch - mit Ausnahme des im Islam generell verbotenen Schweinefleischs - oder Geflügel. In Istanbul und den Küstengebieten gab es auch viel Fisch und Meeresfrüchte. Fleischgerichte, Lamm oder Rind, vor allem "pastırma", ein mit Knoblauch gewürztes Dörrfleisch, waren begehrte Köstlichkeiten. Bei der Zubereitung wurde das Fleisch meist langsam und unter geringer Wärmezufuhr gekocht oder gegart. Gerne aßen die Osmanen es aber auch gegrillt als "kebab" und mit den verschiedensten Soßen, die oft mit Butter, Öl oder Joghurt angemacht waren. Eine sehr würzige Soße aus zerstoßenen Brotkrumen oder Nüssen, Knoblauch, Essig und Öl war "tarator". Zudem stand eine gewaltige Vielfalt von Gemüsesorten auf dem Speisezettel: Bohnen und andere Hülsenfrüchte, Auberginen, Zucchini, Tomaten, Zwiebeln, Spinat, Kohl, Möhren, Rüben, Okra, Gurken, Salat, Weinblätter, Sellerie, Oliven und mehr. Auch eingelegte Gemüse waren sehr beliebt.

Beim Kochen spielte Olivenöl wohl bereits eine ähnlich wichtige Rolle wie in der heutigen mediterranen Küche. Ebenso die Butter: Die Europäer konstatierten im 16. Jh. befremdet, die Osmanen würden, gleichgültig was sie kochten, immer Butter hinzufügen und sich sogar Butter aufs Brot streichen.

Als weitere Beilagen tischte man Teigwaren auf. So die als Delikatesse gerühmten, mit Fleisch, Gemüse oder Käse gefüllten Pasteten (börek) aus dünnem ausgebratenem Teig. Eine türkische Spezialität waren Reisgerichte (pilav), die nicht nur mit Reis, sondern auch mit Weizengries oder Couscous zubereitet wurden. Den "pilav" dünsteten die Osmanen in Butter oder kochten ihn in einer Fleischbrühe auf und reicherten ihn häufig mit Gemüse oder Korinthen an. Viele der osmanischen Pilavgerichte werden noch heute gerne gegessen, z.B. ein Pilav mit Melonen, Zimt und Nelken. Auch Brot wurde zu jeder Mahlzeit gereicht. Man kannte zahlreiche Brotformen und -arten, vor allem flaches Fladenbrot (pide) sowie die mit Sesam bestreuten und heute noch üblichen Brotringe (simit). Als Nachtisch verspeiste, wer es sich leisten konnte, Früchte, wie Melonen, Trauben, Äpfel, Birnen, Pfirsiche, Aprikosen, Kirschen, Granatäpfel, Zitrusfrüchte, Feigen, Datteln oder Quitten. Auch für Süßspeisen hegten die Wohlhabenden eine besondere Leidenschaft. Schon im 17. Jh. waren die noch heute gern konsumierten, süßen Backwaren sehr beliebt: "baklava", ein mit gehackten Nüssen und Pistazien gefülltes Gebäck aus hauchdünn ausgerollten, in Honig getauchten Blätterteigscheiben - und "helva", eine gerne bei Feiern verzehrte Süßspeise aus Gries, Mehl, Milch, Fett, Zucker und Honig, manchmal mit gerösteten Mandeln oder Sesam. Selbst den heute noch bekannten türkischen Honig (lokum), eine Leckerei aus Zucker oder Honig, Reismehl und Wasser, die man aufkochte und dann erkaltet in Stücke schnitt, naschten bereits die Osmanen.

Nach der Mahlzeit wurden Pfeife oder Wasserpfeife sowie Kaffee oder Tee gereicht. Die Sitte des Kaffeetrinkens war seit der Mitte des 16. Jh. bei den Osmanen verbreitet. Nicht nur zu Hause, sondern auch in öffentlichen Kaffeehäusern genoss alle Welt das neue Modegetränk. Während der Kaffee aus dem Jemen ins Osmanische Reich gelangte, wurde der Tee aus China oder Indien importiert.

Gaumenfreuden am Sultanshof
Am Hofe des Sultans frönte man einem besonders verfeinerten Geschmack. Der Großherr verköstigte bei prachtvollen Gesellschaften und Banketten, die von musikalischen und literarischen Darbietungen begleitet wurden, zahlreiche Gäste. Für deren leibliches Wohl sorgten riesige Palastküchen (kuşhane), in denen über 1000 Köche tätig waren. Sie bereiteten täglich mehrere tausend Mahlzeiten für die Palastbewohner zu. Eine Abteilung kochte ausschließlich für den Padischah, eine andere für seine Mutter, wieder andere für den Harem, den Diwan und das Dienstpersonal. Es gab auch eine eigene Küche für Süßspeisen (helvahane).

Aus der Zeit Mehmets II. (reg. 1451-1481) existieren Verzeichnisse des großherrlichen Palastes, aus denen der Bedarf an Lebensmitteln hervorgeht: So ließ der Küchenmeister im Topkapi im 8. Monat des Jahres 878 (i.J. 1473) folgende Lebensmittel kaufen: 3600 kg Honig, 544 Hühner, 28 Maß Reis, 61 Gänse, 24 kg Safran, 116 Muscheln, 87 Krabben, 400 Fische, 56 g Moschus, 12,8 kg Paprikapulver, 14 kg Olivenöl, 104 kg rumänisches Salz, 17 kg Stärkemehl, 616 Stücke Schafskopf- und Klauen, 180 Mägen und 649 Eier. Die Palastküchen ersonnen raffinierte Rezepte. Luxuriöse Gerichte waren mit Pfeffer, rotem Paprika, Zimt, Nelken, Safran, Anis, Kreuzkümmel, Sesam, Pfefferminze oder Rosenwasser gewürzt. Z.B. ein Schmorfleisch mit Auberginenpüree namens “Dem Herrscher hat es geschmeckt“ (hünkar beğendi) oder mit Zwiebeln und Hackfleisch gefüllte Auberginen, “Der Imam fiel in Ohnmacht“ (imam bayıldı). Dazu aß man helles Weizenbrot, auf das man Kümmel und andere Gewürze streute. Die osmanische Oberschicht nahm auf diese Weise gelegentlich sogar Opium zu sich.

Ausgefallene Gerichte kreierte vor allem die Hofküche für Süßspeisen. Als besondere Delikatesse galten Konfitüren - etwa aus Zitronen, Rhabarber, Birnen, Orangen, Feigen, Pfirsichen oder Johannisbeeren. In diese mischten die Köche Aromen wie Rosen, Narzissen, Ingwer oder Bergamotte. Auch ein Rezept für Kürbiskonfitüre mit Zimt und Nelken ist überliefert. Eine Besonderheit war Sauerkirschenkompott mit Eis, welches aus den kalten Gebirgszonen herbeigebracht wurde. Außerdem liebte man Desserts aus kandierten Früchten, Honig, Korinthen oder Nüssen, in Honig getränkte Griestorten, die mit Kokos und Pistazien garniert waren oder Pudding, etwa Mandelpudding mit Honig und Rosinen. Als Gaumenfreuden der gehobenen Art galten auch frittierte Gebäcksorten in Sirup, die Namen wie “Frauennabel“ (kadıngöbeği) oder “Lippen der Geliebten“ (dilberdudağı) trugen. Naschwerk für zwischendurch war ein bonbonähnliches Zuckerkonfekt - Zucker war ein teures Importgut - mit Zimt-, Nelken- oder Anisgeschmack. Möglicherweise kannte man bereits eine Art Kaugummi, gesüßten Mastix, ein von der Insel Chios stammendes Baumharz.

Extravagant waren auch die Getränke, die nicht während, sondern nach der Mahlzeit kredenzt wurden: Wasser mit Rosenessenz sowie Scherbett. Diesen mit Zuckerwasser oder Honig vermischten Saft stellte man aus Früchten und anderen pflanzlichen Essenzen her, etwa aus Granatäpfeln, Aprikosen, Rhabarber, Zedern, Äpfeln, Birnen, Pflaumen, Erdbeeren, Safran, Vanille, Zimt, Pfefferminz, Tamarinde, Mohn u.a. Gerne genossen wurde auch ein kompottartiger Most namens "hosaf" aus in Wasser gekochten Rosinen, Rosenwasser und vergorenem Honig. Besonders mochten die Osmanen Getränke mit Aromen aus Orangen, Zitronen, Bergamotten, aber auch Veilchen und vor allem Rosen. Bei den Frauen war ein Scherbett aus Moos, Ambra oder Aloe besonders beliebt, das als Aphrodisiakum galt. Trotz des Alkoholverbots waren vor allem die vornehmen Osmanen gelegentlich dem Wein zugetan. Gedichte zeugen davon, dass er - nach gehörigem Konsum - als Sorgentröster geschätzt wurde. "Boza", eine Art Bier hingegen, schien fast jedermann, vor allem die Soldaten, getrunken zu haben. Das süßliche Gebräu aus vergorener Gerste oder Hirse existierte in zahlreichen Geschmacksvarianten, von süß bis sauer. Besonders verbreitet war "boza" mit Zimtaroma.

Speisevorschriften des Islam
Wie viele Religionen, so kennt auch der Islam Speisege- und -verbote, Vorschriften in Bezug auf den Konsum bestimmter Nahrungsmittel. Die bekanntesten, strikt untersagten Tabus waren der Genuss von Schweinefleisch, das als unrein galt, sowie von Blut und von Aas. Damit waren jedoch nicht nur verendete, sondern vor allem nicht rituell geschlachtete Tiere gemeint, also solche, die nicht durch das Durchschneiden der Kehle getötet wurden. Auch Tiere, die nicht im Namen Allahs geschlachtet wurden, fielen unter dieses Verbot.

Der Konsum von Rauschmitteln war im Islam verboten. Wein wurde als berauschendes Getränk eingestuft, auch wenn die Beurteilung nich ganz einheitlich ausfiel. Im Koran wurde er als Werk des Satans bezeichnet, das die Gläubigen vom Gebet abzubringen vermochte. Daher war der Weingenuss nicht nur prinzipiell abzulehnen (arab. makruh), sondern sogar strengstens verboten (arab. haram). Auch wenn die Produktion des Weins und der Weinverkauf durch Angehörige anderer Religionsgemeinschaften erfolgte, enthielten sich jedoch nicht alle Muslime konsequent seines Konsums. Vor allem in der “High Society“ lockerten sich im Laufe der Zeit die Sitten. Allerdings achtete man peinlich darauf, dass die Unterschicht das Weinverbot befolgte, daher wurde seine Übertretung mit Stockhieben bestraft. Zwar gab es dennoch Weinlokale, aber diese standen in ausgesprochen schlechtem Ansehen.

Strenge Beachtung fanden die Fasten- und Speisevorschriften des Ramadan. Im Fastenmonat durften die Muslime zwischen Sonnenauf- und -untergang weder essen noch trinken. Für diese Zeit gab es auch spezifische Essgewohnheiten und kulinarische Traditionen. Man konnte sich zweimal täglich zum Essen treffen. Vor Sonnenaufgang war ein bescheidenes Frühstück (arab. sahur) gestattet, bei dem man sättigende Speisen bevorzugte, die nicht durstig machten, z.B. "pilav" oder "börek". Die Hauptmahlzeit jedoch war das Fastenbrechen (arab. iftar) nach Sonnenuntergang, am Abend bzw. in der Nacht. Zu diesem lud man häufig Gäste ein und fand sich zu einer großen Tafel zusammen. Die Gläubigen begannen das Fastenbrechen, indem sie nach dem Vorbild Muhammads zunächst eine Dattel aßen. Danach nahmen sie zunächst nur einen kleinen Imbiss zu sich, um den Magen erneut ans Essen zu gewöhnen. Daher wurden in einem ersten Gang Teller mit Käse, Oliven und anderen Kleinigkeiten zusammen mit Fladenbrot angeboten. Nach dem rituellen Abendgebet tischte man das warme Essen auf, das wie üblich mehrere Gänge hatte. Typisch für die Ramadantafel der Osmanen waren Eier mit gebratenem Räucherfleisch (pastırma) und Zwiebeln sowie Pasteten (börek). Doch nicht selten war der Speiseplan des Fastenmonats noch üppiger als sonst, da man den ganzen Tag über hungerte. Der traditionelle Nachtisch nach dem Essen war "güllaç", eine Süßspeise aus dünnen Oblatenteigblättern, manchmal auch aus Nüssen, die mit Milch und Rosenwasser übergossen und lauwarm und mit Rahm verfeinert, aufgetragen wurden. Dieses am Sultanshof bereits im 16. Jh. bekannte Gericht wird noch heute während des Ramadan verzehrt. Auch das traditionell bei Festen aller Art genossene "helva" durfte im Fastenmonat nicht fehlen.

Im Topkapi Serail war es Sitte, dass der Sultan im Monat Ramadan für die Janitscharen "baklava" spendierte. Eine Abordnung von Janitscharen nahm die Süßigkeiten entgegen um damit in ihre Kaserne zurückzukehren. Am nächsten Morgen brachten sie die leeren Tabletts wieder in den Palast. Wenn sie aber mit der Regierung unzufrieden waren, schickten sie das "baklava" zurück, ohne es angerührt zu haben.

Mit der Sichtung des Neumondes ab dem ersten Tag des auf den Ramadan folgenden Monats Schawwal, feierte man das dreitägige “Fest des Fastenbrechens“ (arab. ‘id al-fitr). Bei diesem Fest der Freude dankt man noch heute Gott für seine Unterstützung während der Fastenzeit. Auch bei den Osmanen begann man den Tag mit dem Besuch der Moschee - vorher badete man und zog frische Kleidung an. Dann besuchte man Angehörige und Freunde, tauschte Geschenke aus und spendete Almosen.
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Sunday, 15. january 2012 7 15 /01 /Jan. /2012 16:47

nazim hikmet1

 

 

Schon mit 18 Jahren wurde Nazim Hikmet, geboren 1902 in Saloniki, wegen seiner Gedichte verfolgt, da sie die Gegensätze zwischen Entrechteten und Aneignern zum Thema hatten. 1920 schloß er sich dem anatolischen Widerstand an, wurde 1923 Mitglied der illegalen Kommunistischen Partei der Türkei und studierte von 1922-1925 an der „Universität der Völker des Orients“ in Moskau, wo er auch die Totenwache an Lenins Sarg hielt. Nach seiner Rückkehr 1925 in die Türkei lebte er in der Illegalität, mußte wieder in die UdSSR emigrieren und wurde in Abwesenheit zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. 1928, nach seiner erneuten Rückkehr in die Heimat, wartete dort Kerker auf ihn.

Nur wenige Jahre lebte er in Freiheit, davon 12 Jahre im Exil. Die Gefängnisse ruinierten seinen Körper: als Folge litt er an Krankheiten der Nieren, Augen, des Herzens, der Leber, an Schlaflosigkeit.

 

Aufgrund von Pressekampagnen, unter dem Druck von Intellektuellen wie Picasso, Aragon, Sartre, Neruda, Brecht u.a., nach Solidaritätsaktionen in aller Welt und nach Einsatz des letzten verzweifelten Mittels, das ihm selbst im Kerker geblieben war: dem Hungerstreik, wurde er 1950 amnestiert. Als er 1951, 49 Jahre alt, dann zum Militär einberufen wurde, verließ er die Türkei und sah sie nie wieder.

 

In weiteren Jahren der Emigration engagierte er sich energisch für den Frieden, erhielt den Lenin-Friedenspreis. „Kurzum, Genossen / sollte ich heute in Berlin vor Kummer zugrunde gehn / so kann ich sagen, daß ich als Mensch gelebt habe." Mit diesen Versen schloß er am 1. September 1961 in Berlin seine "Autobiographie". Ein Jahr später starb er in Moskau.

 

Er war der Dichter, dem es gelang, seine eigene Sicht der Welt auf ein höheres Niveau zu bringen. Er ist ein Klassiker und Heutiger.

 

***

 

Als die Nachricht über seinen Tod kam, war ich 19 Jahre alt und Mitglied der Arbeiterpartei der Türkei. Trauern konnten wir nicht. Die schwarzen Schwertwolken der Mussolini-Paragraphen hingen vor unseren Fenstern. Verboten waren seine Gedichte nach diesen Paragraphen im türkischen Strafgesetzbuch – seit fast 30 Jahren. Damals.

 

1965 kam es zu einer Renaissance der türkisch-sowjetischen Beziehungen. Eine Delegation mit einem beträchtlichen Journalisten-Troß war in Moskau. Kurz danach veröffentlichte ein links-kemalistisches Wochenblatt namens YÖN ein paar Hikmet-Gedichte.

 

Prozesse blieben aus. Weitere Publikationen der Nazim-Hikmet-Lyrik folgten, meist über Liebe und Sehnsucht. Und in diesen Jahren erschienen in Sofia die Gesamtwerke Nazims in sieben Bänden. Verleger machten Ausflüge nach Bulgarien, schmuggelten sie ein. Hikmet-Bücher überfluteten den Markt. Seine Stücke wurden aufgeführt, erfuhren einen Publikumsstrom.

 

Hikmets Verse beeinflußten die 68er mehr als jede andere revolutionäre Theorie. Denn ihnen wohnt das aktive alltägliche Geschehen inne, dessen Verlauf sich während der Lektüre zuspitzt, den Leser begeistert und ihn zur Aktion bewegt.

 

Als Hauptelement seiner Lyrik gilt der unerschütterliche Optimismus, der Blütentraum von einem glücklichen Morgen für alle. Seine rhythmischen, mehrstimmigen, ich- und welthaltigen Verse wurden eine Waffe der jungen Rebellen. Sein Werk des ästhetischen Wortes läßt sich als dialektische Harmonie eines ganzen Orchesters interpretieren, das seine ganze Person umfaßt: „Ich, ein Mensch./Ich, der türkische Dichter Nazim Hikmet, ich/Von Kopf bis Fuß Überzeugung,/Vom Kopf bis Fuß Kampf, Sehnsucht und Hoffnung.“

 

Als Sohn einer hochrangigen Familie zur Welt gekommen, hätte er ein Leben mit allen Annehmlichkeiten führen können. Er ging aber den Weg des Widerstandes, erfuhr alle Schmerzen, die je ein Mensch erleben kann. Seine Willenskraft konnte dennoch nicht gebrochen werden – auch wenn er in einer dunklen Zelle von der Welt und menschlichen Stimmen isoliert war.

 

Im Vorwort zu einem seiner Bücher bemerkt er: „Der Verfasser dieses Buches ist ein einfacher türkischer Dichter, der stolz darauf ist, sein Hirn, sein Herz und sein ganzes Leben seinem Volk gewidmet zu haben. Andererseits hat dieser Dichter die Kämpfe eines jeden Volkes für nationale Unabhängigkeit, soziale Gerechtigkeit und für Frieden in seinen Gedichten gepriesen, unabhängig von seinem Namen, seiner geographischen Lage, seiner Rasse und Nationalität. Er hat stets die Siege dieser Völker als Siege seines eigenen Volkes, ihre Niederlagen als Niederlagen seines eigenen Volkes und ihre Freuden und Leiden als Freuden und Leiden seines eigenen Volkes empfunden.“

 

Er war ein wahrer Kosmopolit. Noch in den Situationen schwerer Niederlagen findet er Worte und Bilder, in denen er die Zukunft beschwört und seinem Vertrauen in die Kraft des Lebens, der engagierten Vernunft Ausdruck verleiht, in die Kraft jenes Windes, den Jannis Ritsos in seinem Verszyklus „Die Nachbarschaften der Welt“ proklamiert:

 

„Ah beeil dich Majakowski, daß wir diesen Wind verkünden!

 

Beeil dich Sikelianos, beeil dich Aragon, beeil dich Neruda

 

Beeil dich Nazim Hikmet, daß wir diesen Wind gemeinsam singen.“*

 

* „Die Nachbarschaften der Welt“ schrieb Jannis Ritsos, geboren 1. Mai 1909, Mitkämpfer in der griechischen Volksbefreiungsbewegung bis 1944 und auf der Seite der Partisanen während des Bürgerkrieges von 1947 bis 1949, auf den KZ-Inseln Makronissos, Jaros, Ai-Stratis, wo er bis 1952 inhaftiert war. Deportiert wurde er auch von der Obristen-Junta zwischen 1967 und 1974 nach Leros und Samos. In einer Reihe neben Majakowski, Lorca, Neruda, Hikmet, Brecht, Aragon wird Jannis Ritsos international gewürdigt – mit dem Ehrentitel „Dichter des Volkes“ ausgezeichnet.

 

***

 

»Es gibt keinen zweiten Nazim im Gedicht des Jahrhunderts« (Pablo Neruda, 1963)

 

Nazim Hikmet schrieb Gedichte, Erzählungen, Theaterstücke, Romane, Märchen und Kritiken. Da er die Meinung vertrat, daß „die neue Epoche eine neue Erzählform brauche“, wandte er stets von der bis dahin in der türkischen Dichtung gültigen Diwan-Lyrik (= höfische Lyrik) ab. Er proklamierte die freie realistische Zeile anstelle des metrischen Verses und des höfischen Aruz, deren Ursprünge in der persischen und arabischen Dichtung des Mittelalters lagen.

 

Die Themen seiner Werke umfassen alle Ebenen des menschlichen Lebens, sowohl private als auch gesellschaftliche. Seine Verse wurden in über fünfzig Sprachen übersetzt. Seine wichtigsten Werke sind:

 

835 Zeilen (1929), Briefe an Taranta Babu (1935), Das Epos vom Scheich Bedreddin (1937), Menschenlandschalten (1951), In jenem Jahr 1941 (1961), War beging Benerji Selbstmord, Das Epos der nationalen Befreiung, Die Legende einer Liebe -Ferhat ile Schirin, Der deutsche Faschismus und Rassismus (Essay)...

 

***

 

Gerade gegenwärtig manifestieren seine Verse die Hoffnung auf Brot und Freiheit. Denn sie „beschrieben den Raum nicht“ betont der britische Autor John Berger in seinen Tagesnotizen zum 100. Geburtstag Nazim Hikmets in „Frankfurter Rundschau“ vom 12. Januar 2002, „sie kamen durch ihn hindurch, sie überquerten Berge. Sie handelten auch vom Tun. Sie erzählten von Zweifeln, Einsamkeit, Verlust, Trauer, doch diesen Empfindungen folgten Taten, statt Ersatz für die Tat zu sein. Raum und Tat gehen einher. Ihre Antithese ist das Gefängnis, und in türkischen Gefängnissen schrieb Hikmet als politischer Gefangener sein halbes Lebenswerk. ... Immer haben Gefangene überall von der großen Flucht geträumt, Hikmets Lyrik aber tat dies nicht. Seine Lyrik brachte, bevor sie begann, das Gefängnis als ein kleines Pünktchen auf die Karte der Welt.“

 

John Berger setzt seine Impressionen aus der fiktiven Begegnung mit dem großen Dichter seines Jahrhunderts fort:

 

„Ich möchte dich zu der Zeit befragen, in der wir heute leben. Vieles, wovon du glaubtest, es geschehe in der Geschichte, oder glaubtest, sollte darin geschehen, hat sich als Illusion erwiesen. Der Sozialismus, wie du ihn dir dachtest, wird nirgendwo gebaut. Der Unternehmenskapitalismus rückt ungehindert vor - wenngleich zunehmend umstritten und obwohl die Twin Towers zum Einsturz gebracht wurden. Die überfüllte Welt wird mit jedem Jahr ärmer. Wo ist heute der blaue Himmel, den du mit Dino sahst?

 

Ja, die Hoffnungen, entgegnest du, sind in Fetzen, doch was ändert das? Gerechtigkeit ist noch immer ein Einwort-Gebet, wie Ziggy Marley jetzt in deiner Zeit singt. Die ganze Geschichte dreht sich um Hoffnungen, die genährt, verloren, erneuert werden. Und mit neuen Hoffnungen kommen neue Theorien. Für die Überfüllten aber, für diejenigen, die, außer zuweilen Mut und Liebe, wenig oder nichts haben, läuft das mit der Hoffnung anders. Dann ist die Hoffnung etwas, worauf man beißen, was man sich zwischen die Zähne schieben kann. Vergiss das nicht. Sei Realist. Mit Hoffnung zwischen den Zähnen kommt die Kraft, weiterzumachen, selbst wenn die Müdigkeit nicht mehr nachlässt, kommt die Kraft, wenn nötig, nicht im falschen Moment zu schreien, kommt vor allem die Kraft, nicht zu heulen. Ein Mensch mit Hoffnung zwischen den Zähnen ist ein Bruder oder eine Schwester der oder die Respekt gebietet. Die ohne Hoffnung in der wirklichen Welt sind dazu verurteilt, allein zu sein. Bestenfalls können sie nur Mitleid darbieten. Und ob diese Hoffnungen zwischen den Zähnen frisch oder in Fetzen sind, ist kaum ein Unterschied, wenn es darauf ankommt, die Nächte zu überleben und sich einen neuen Tag zu denken.“

 

***

 

Nazim gilt in weiten Kreisen der türkischen Gesellschaft als der größte Meister der türkischen Lyrik. Unbestreitbar: Er ist einer der Dichter des 20. Jahrhunderts von Weltrang.

 

Seine antisemitisch-rassistisch, islamistisch-gottgefällig gesinnten Neider und Erzfeinde hören nicht auf, ihn zu beschmutzen. Vaterlandsverrat werfen sie ihm vor. Um das aufrechtzuerhalten, suchen sie in seiner Ahnentafel jüdische Spuren (Sepharden, Sephardim – Sabatay), führen eine Denunziations-Debatte über seine Herkunft.

 

Nazims Großvater mütterlicherseits, Mustafa Celaleddin Pascha stammt aus Polen. Konstantin Borjenski, ein Adliger. Nach der Niederlage im Aufstand gegen Österreich und Rußland 1848 floh er erst nach Paris, von dort nach Istanbul, konvertierte zum Islam und stieg bis zum Pascha-Titel auf. Bekannt wurde er nicht allein als Soldat, sondern auch als Urheber der Türkologie. In seinem Buch „Les Turcs Anciens et Modernes“ versuchte er, bei den Türken, die er als eigentliche Teilgründer der Zivilisation sah, ihr Nationalbewußtsein zu erwecken.

 

Ein anderer Großvater Mehmet Ali Pascha soll aus Preußen stammen. Karl Detrois. Sein Großvater väterlicherseits Nazim Pascha war Dichter. Auch sein Vater war im Dienste der Hohen Pforte und diente als Konsul in Deutschland.

 

***

 

Im Frühjahr 1992 veranstaltete das grünnahe Ökologische Bildungswerk Saarland (heute: Heinrich-Böll-Stiftung) einen Vortrag mit dem islamistischen Publizisten Abdurrahman Dilipak, der seine Ausführungen mit den Versen von Nazim Hikmet begann.

 

Damit bezweckte er, dem Publikum zu zeigen, wie weltoffen die postmodernen Postulanten der Scharia sind. Dabei ging er wahrscheinlich davon aus, daß den Anwesenden der türkische Weltdichter Nazim Hikmet wohlbekannt ist.

 

Aber die Wahrheit ist ganz anderes. Nazim Hikmet kam – auch gegenwärtig – nie richtig in Deutschen Landen an, höchstens als ein orientalischer Verseschmied. Auch nachdem ihm die UNESCO anläßlich seines 100. Geburtstages das Jahr 2002 widmete. Abgesehen von Ausnahmen in der DDR wurden seine Werke nicht anständig, das heißt fachgerecht, ins Deutsche übersetzt.

 

In den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts schaute ich in das Schaufenster eines Buchladens in einer kleinen französischen Provinzstadt und sah zwei Mal Nazim Hikmet.

 

Kurz danach begann ich, Nazim Hikmet-Gedichte ins Deutsche zu übertragen. Ich wandte mich an verschiedene Verlage, sie in einem Band zu veröffentlichen. Die Antwort: Von unbekannten ausländischen Autoren macht man keine Bücher.

 

Ohne die freiwillige Arbeit von wenigen Türken hätte der Bekanntheitsgrad Nazim Hikmets nicht den heutigen Stand erreicht. Das sind aber Übersetzungen, die sich auf Schuldeutsch stützen. Mit der Ausnahme des Bandes „Ich Liebe mein Land“, dessen Verlag seltsamerweise unbekannt ist und aus dem die folgenden zwei Gedichte entnommen wurden:

 


Vorgeschichte

 

Wir kommen weit her,
sehr weit her...
Wir haben noch immer
das Schwirren der Steinschleudern im Ohr.
Die Grenzen der Bergeinöden und Wälder,
gesäumt mit blutigen Tiergerippen,
vom Wiehern wilder Hengste erfüllt,
sind das Ende des Wegs, den wir kamen.
Doch fruchtbar,
wie der schwere schwangere Leib
einer breithüftigen jungen Mutter,
ist das in unseren Trinkkübeln schaukelnde
Wasser.

 

Wir kommen weit her.
Das Leder unserer Stiefel
riecht nach verbranntem Fleisch.
Aufgeschreckt
vom Hall unsrer Schritte,
erheben die blutigen, dunklen Jahre sich
wie geflügelte Urtiere
in die Luft.
Und in der Finsternis flammt
der gespannte Arm unsres Anführers
wie ein feuriger Pfeil...

 

Wir kommen weit her,
sehr weit her...
Die Bindung zur fernen Vergangenheit
verloren wir nicht,
noch immer ruft unser Erbteil uns
das Beil, das auf Bedreddins Nacken fiel,
ins Gedächtnis zurück.
Wir waren in Ankara bei der Handwerkerbruderschaft,
wir wissen, welchem Lehrer zuliebe
wir die behaarte Brust den Heeren des Sultans boten...

 

Wir kommen weit her
und tragen als Flammenlüster
Galileis runden Schädel wie einen sich drehenden Erdball
auf unseren Händen.
Auf unseren Adlernasen
findet die Brille
des materialistischen Glasschleifers Spinoza
ihren würdigen Platz.

 

Wir kommen weit her,
sehr weit her...
Und es kommt die Zeit,
da stecken wir unser Haar in Brand
und legen der Finsternis Feuer ins Haus.
Mit den Köpfen der Kinder zerschlagen wir
der Dunkelheit Wand...
Und die nach uns kommen, sollen nie mehr
durch Eisengitter, sondern aus hängenden Gärten sehen
die Frühlingsfrühen, die Sommernächte
im Land.

 

Nazim Hikmet

 

Deutsch von Annemarie Bostroem
Aus: »Ich liebe mein Land«

 

 

 

Lied der Sonnentrinker

 

Dies ist das Lied
der Sonnentrinker,
die aus irdenen Schalen
Sonne trinken!
Dies ist ein Zopf
ein flammender Schopf,
der flackert und loht
wie eine Fackel, blutig und rot,
über den braunen Stirnen
der nackten Helden
mit kupfernen Füßen!

 

Ich sah jene Helden auch,
auch ich umschlang diesen Schöpf,
auch ich stampfte mit ihnen allen
über die Brücke zur Sonne!
Auch ich trank Sonne aus irdenen Schalen,
auch ich sang das Lied!

 

Unser Herz empfing seinen schnellen Schlag
von der Erde.
Wir reckten uns und zerbrachen
der feuermähnigen Löwen Rachen.
Wir erklommen im Sprung
den blitzgeladenen Sturm!
Adler, losbrechend vom Fels
mit Felslawinen,
schlagen ihre sonnenvergoldeten Flügel.
Flammenhändige Reiter
schwingen die Peitschen
und reißen die schäumenden Rosse am Zügel.

 

Der Sturm bricht auf,
zur Sonne empor!
Wir bezwingen der Sonne Lauf
und erobern die Sonne im Chor!

 

In unserem Zuge
können wir keine gebrauchen,
die an die Ketten der Tränen von Frau und Kind
gefesselt sind!
Kein Platz ist bei uns für solche,
die sich in den Panzer
ihres Herzens verkriechen!
Sieh, in diesem Feuer,
das von der Sonne fällt,
brennen Millionen roter Herzen
überall in der Welt!
Aus dem Käfig der Brust
reiße dein Herz,
wirf es in dieses Feuer, das erdenwärts
von der Sonne auf uns herabfließt.
Wirf es zu unseren Herzen

 

Der Sturm bricht auf,
zur Sonne empor!
Wir bezwingen der Sonne Lauf
und erobern die Sonne im Chor!

 

Unsre Ahnen sind Feuer, Wasser, Erde und Eisen.
Unsre Frauen säugen die Kinder mit Sonne.
Unsre kupfernen Bärte duften nach Erde.
Unsre Handflächen sind vom fetten Schweiß
der Felder durchtränkt.
Unsre Freude ist warm, wie Blut, ist heiß,
wie das Kissen des Jünglings
von der Erregung der ersten Liebe.
Die Enterhaken unserer Leitern
werfen wir an die Sterne
und schreiten über die Schädel
der toten Freunde zur Sonne empor!

 

Die Toten starben im Kampf,
versinkend in Feuergarben.
Wir haben nicht Zeit,
um sie zu trauern!

 

Der Sturm bricht auf,
zur Sonne empor!
Wir bezwingen der Sonne Lauf
und erobern die Sonne im Chor!

 

Die Weinberge dampfen vom Blut der Trauben,
die dicken Ziegelschornsteine schrauben
sich qualmend empor.
Vor uns gellt
unseres Anführers Stimme.
Wie sie hallt!
Dieser Stimme Gewalt
macht die Augen der hungrigen Wölfe blind,
diese Gewalt
bannt sie dort fest,
wo sie sind!
Befiehl meinen Tod!
Befiehl!
In seiner Stimme trinken wir Sonne auch,
berauscht sind wir,
er ist berauscht!

 

Im Rauch
der flammenden Horizonte
jagen die Reiter,
die Himmel zerfetzend
mit ihren Lanzen!

 

Der Sturm bricht auf,
zur Sonne empor!
Wir bezwingen der Sonne Lauf
und erobern die Sonne im Chor!

 

Die Erde ist kupferrot,
der kupferne Himmel loht.
Singt das Lied der Sonnentrinker
laut, weit,
schreit!

 

Nazim Hikmet

 

Deutsch von Annemarie Bostroem
Aus: »Ich liebe mein Land«

 

 

 

Zum Schluß zwei weitere Gedichte von Nazim Hikmet:

 

Brief aus Polen

 

Liebste, meine Kusine mütterlicherseits, Mutter meines Memeds,
einer unserer Großsväter ist
der Polen-Emigrant von 1848.
Aus diesem Grund vielleicht ähnelst du
der schönen Frau aus Warschau,
als wärest du ihr Zwilling
Aus diesem Grund vielleicht habe ich
einen solch blonden Schnurrbart
bin so hochaufgeschossen
sind solch nord-blau die Augen unseres Sohnes
Aus diesem Grund vielleicht erinnert die Ebene hier
an die unserigen Ebenen
Oder daher regt dieses polnische Lied
das in mir tief halb-hell ruhendes Wasser.
Aus Polen kam einer unserer Großväter,
das Dunkel der Niederlage in seinen Augen,
seine Haare mit rotem Blut gefärbt.
Die schlaflosen Nächte Borjenskis
scheinen den meinigen gleich zu sein.
Genauso wie ich verlor vielleicht auch er
unter einem in sehr weiten stehenden Baum seinen Schlaf.
Auch ihn hat vielleicht zum Delirium gebracht,
mit jedem Atem den Duft der Heimat zu wittern
und die Wahrscheinlichkeit,
die Heimat nie wieder zu sehen.

 

Übertragen aus dem Türkischen von Necati Mert

 

 

 

HAVANNA-REPORTAGE

 

I

 

auf die kubanische Ballett-Mannschaft wartet der Flug
Prag-Havanna
getanzt hat sie in sozialistischen Städten sechs Monate lang
war wie buntfarbene Vögel die schreiend von den Inseln
warmer Meere auffliegen
ich habe mich daran nicht gewöhnen können
immer wenn das Flugzeug sich von dem Boden trennt
erinnere ich mich an verschiedene Arten von Unfällen
erst recht wenn ich den Gurt anschnalle

 

im reinen Blau sind wir
ein junges Mädel aus Moskau sitzt neben mir Geologin
klein und allerliebst und ein Honigtropfen mit Himmelaugen

 

Kuba ist etwas jünger als der Ural sagt sie
zwei Millionen Jahre jünger
aber seine unterirdischen Reichtümer sind der Schatz der Tausend-Einen-Nacht wie der des Ural

 

unter der Erde laufe ich umher den Wurzeln den Knochen stieß mein Kopf die Mineralien in Haufen leuchten farbenreich im Dunkel
die unseren suchen Öl in der kubanischen Erde am Grund des Atlantik sagt sie
die Trepane bohren den Meeresgrund durch zwischen den schaukelnden Pflanzen und Fische glotzäugige dickbäuchige stachelreiche Fische stießen das Glas meines Taucherhelms
wir werden es finden sagt sie Kuba kann ohne Öl nicht sein wir müssen es finden
sie werden das Öl finden davon bin ich überzeugt aber wie wird Nataschachen eben die Hitze aushalten
in Kasachstan habe ich zwei Jahre gearbeitet sagt sie die Hitze fünfundvierzig achtundvierzig Grad
vorn von mir die Ingenieure aus Baku Bruno Peschte Warschau Peking Weimar
Stahl will Fidel Castro gießen den Stahl wie die Regenfälle mit tropischen Sonnen gießen
von dem Gefängnis der Zucker will sich Fidel befreien
unter uns liegt zwar Europa aber die kubanische Ballett-Mannschaft stellte ihre Uhren schreiend nach Havanna-Zeit ein
im Laufschritt traten sie in die Steinfluren ihrer Häuser ein
und ich kann nicht begreifen ob wir dem Tag nachjagen
oder der Nacht
ob unser Leben länger wird
oder kürzer
ich sehe wir überfliegen den Streifen europäischer Küsten
der Streifen im Schaum
ich sehe wir sind über dem Atlantik
ein sonderbares Gefühl in mir
das erste Mal ist das mein Entfernen von meinem großen Boden

 

auf dem Ozean schwimmen wettlaufend Segel-Galeonen zwischen den Windrosen und Seejungfern die größer sind als sie selbst und in das sonderbare Gefühl in mir mischt sich der Ruf der auf Gazellenfell gezeichneten Landkarten in die Ferne

 

die Bildfläche ohne Horizont
das Blau wurde purpurrot dunkel
in der Nacht landete unser Flugzeug auf einem sehr kleinen Stern auf dem eine Schar von sehr grausamen Geschöpfen herrscht mit hakenförmigen Händen und einem Auge auf der Kopfspitze
in der Nacht landete unser Flugzeug auf der Santa Maria Insel nach sechsstündigem Flug
Portugiesisch wird gesprochen
ich dachte an Angola
auf den Kaffee-Plantagen in San Salvador nahe Kongo beginnend breiteten sich die Aufstände aus
in jeder siebten Wochen töteten wir dreißig Tausend der Tiere nächsten Monat werden wir noch hunderttausend töten wenn sich der Regen erst einmal legt
so sprach der Offizier Lanada aus Portugal

 

als der Mond aufging flog unser Flugzeug ab
Santa Maria blieb unten inmitten der See die Hand auf der Brust wie versteinert der Kummer einer Boje mit der längst abgeblätterten Farbe wird hin- und hergeworfen beim Mondlicht im Wasser des Antlantik

 

ich schlief
ich wachte auf
überall die Sterne die ich nicht kenne
und voller Geschwindigkeit dann grauen die Sterne
die Mädchen der kubanischen Ballett-Mannschaft kämmen ihre Haare schminken ihre Augenlider ihre Lippen und morgendliche Schlaftrunkenheit läßt sie in diesem dicht geschlossenen engen Raum mit der Verzückung eines Blumenkastens heranreifen

 

die Sonne ging auf
unten wird die Tiefe von dunkelblau zu hellgrün
die Koralleninseln erstrecken sich wie fürchterliche Schlangen spiralig gewunden auf der glasbäuchigen Helligkeit

 

die Küsten Kubas mit ihren Buchten in Sicht
die Buchten nebeneinandergereiht wie silberne Becken
die Gewässer der kubanischen Buchten sind behaglich und können alle in allen Meeren schwimmenden Schiffen Unterschlupf gewähren
am gleichen Tag in gleicher Nacht
ich bin mir sicher die Insel Kuba ist eine Paradies-Frucht im Korb des Golfes von Mexiko
Schlangen gibt es in Kuba nicht und seine Skorpione sind nicht giftig
auch gibt es keine wilden Tiere wenn man die Krokodile im Sumpf von Zapata nicht zählt
sie sind bis zu sieben Meter lang und wenn man sich hinter sie stellt und ihnen den Knüppel verpaßt so sind sie erledigt
und noch die Spierhaine in den Felsenriffen von Cohimar
Wirfst du einen Orangenkern in den geschwitzten Boden Kubas am Frühmorgen du findest einen Orangengarten gegen Abend

 

es ist die Geschichte über das Menschenkind über die Jugend die Hoffnungen des Menschenkindes
andere erzählten die Geschichte schöner als ich sie werden sie schöner erzählen als ich
Freund-Feind es gibt niemanden mehr der die Geschichte nicht zu hören bekam

 

Batista war der Knecht vom Schlangenkönig
Batista der General von Millionären der Zuckerrohre sowohl der Yankees als auch der Einheimischen und den Millionären des Tabaks und Kaffees sowohl der Yankees als auch der Einheimischen und von einer fünfzigtausend Mann-Armee mit Flugzeugen und dann von den Kasernen in denen die Helden mit Schlägen getötet wurden nachdem sie kastriert und ihnen die Augen herausgebohrt worden waren und von Wachtoren vor denen auf dem Rücken liegend Leichen verfaulten und von den Schreien die jede Nacht die Mauern der Wachgebäude zerreißend hinausflogen in den heißen Dunkelheiten wie blutende Vögel zappelten und von den Frankoisten Geistlichen und den Spielsalonen und dann den Heroingroßhändlern und den Gangstern sowohl den Yankees als auch den Einheimischen und dann den Huren allein in Havanna fünfzehntausend und von den wie ein an Land gespülter Spierhai Verfaulenden und von dem mit verzücktem schweren Blumengeruch vermischten Aasgeruch war in Kuba wo vier Millionen von insgesamt sechs Millionen Bevölkerung Hunger hatte und Hunderttausend an Tuberkulose erkrankt und das den Yankees in den letzten zehn Jahren mehr als eine Millarde Dollar Gewinn brachte seit Jahren in der Knechtschaft des Botschafters der Vereinigten Staaten von Amerika der Boden- See- und Luftstreitkräfte der Vereinigten Staaten von Amerika des Dollar der Vereinigten Staaten von Amerika

 

im November 1956 stiegen 82 Menschen vom Schiff Granma ins Meer unter ihnen Fidel
sie die im November 1956 aus dem sich den Küsten Kubas einschleichenden Schiff Granma in das Meer ausstiegen bis zur Gürtelgegend im Wasser versenkt und ihre Gewehre über dem Kopf haltend und unter dem plötzlich und im gleichen Augenblick eröffneten Kanonen- und Maschinengewehr Feuer an Land gingen und sich vor den die Dunkelheiten wie die Polizeihunde beriechend durchwühlten Scheinwerfer schützten und die Stimmen ergeb euch ihr seid umzingelt und die dicken Fröschen mit Füßen tretend blitzschnell in die Sümpfe und Zuckerrohrplantagen gingen und hinter den Zierpalmen und Kokosnußpalmen her auf die Hügel hinauf kletterten trafen sich auf dem Berg Sierra

 

12 von 82 blieben am Leben unter ihnen auch Fidel
12 Menschen waren sie im November 56 unter ihnen auch Fidel
150 Menschen waren sie im Dezember 56 unter ihnen auch Fidel
500 Menschen waren sie im Februar 57 unter ihnen auch Fidel
1000 sind sie geworden unter ihnen auch Fidel
5000 sind sie geworden unter ihnen auch Fidel
eine Million hundert Millionen eine ganze Menschheit sind sie geworden unter ihnen auch Fidel stürzten Batista im Januar 1959 und die 50-tausend Mann-Armee und die Zuckerrohrmillionäre sowohl die Einheimischen als auch die Yankees und die Tabaks- und Kaffee-Millionäre sowohl die Einheimischen als auch die Yankees und dann die Kasernen und die Wachgebäude vor denen Leichen verfaulten und die Heroin-Großhändler und die Spielcasinos und den Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika und die Luft- See- und Bodenstreitkräfte der Vereinigten Staaten von Amerika und der mit dem schweren Blumengeruch vermischten Aasgeruch in der Luft Kubas löst sich auf nämlich der Geruch der Vereinigten Staaten von Amerika

 

wir nähern uns nach Havanna sagte die Stewardess
die Palmen die Palmen schrie eines
als hätte es Mutter Mutter geschrieen kam es mir vor
an den Deckgläsern schlagen die kubanische Ballett-Mannschaft vor Freude um sich wie riesige Schmetterlinge
nach insgesamt achtzehn Stunden Flug stiegen wir hinunter landeten auf dem Boden nicht dem Beton sondern der Helligkeit
inmitten der Helligkeit sah ich sie eng umarmt mit der Helligkeit
drei Menschen waren sie zwei Männer zwei Frauen
einer mit Bart
sie waren jung
feststellen konnte ich nicht welcher weiß war welcher mischling welcher schwarz
ich konnte nicht feststellen ob der Bärtige weiß schwarz oder mischling war
schwer festzustellen ob die Frau schwarz weiß oder mischling war
so ähnlich ihre Augen und alles von ihnen in ihren Augen
nicht möglich die Farben ihrer Häute voneinander zu trennen
sind das Blut und die Haut sind unter dieser verschmelzend ausbreitend knetend schöpfenden Sonne so durcheinander gemischt wie die Lieder und Tänze
alle drei trugen blaß-blaue Hemden dunkelolivegrüne Hosen
an ihren Gürteln die Pistolen mit fein ziselierten Griffen in den Händen Mitrailleusen
und einer hatte seine Mütze gefaltet unter die Epaulett gesteckt
nicht konnte ich feststellen ob der Weiße Schwarze oder Mischling
später begegnete ich ihnen in allen möglichen Stunden des Tages und der Nacht in allen möglichen Orten manchmal Lastwagen voll manchmal einzeln
einmal waren sie Wache vor dem Palast des Schriftstellerverbandes
zwei Mädchen im Alter von vierzehn Jahren
die Mädchen von Kuba wachsen früh auf wie unsere anatolischen
ihre Mitrailleusen bereit zu feuern
und ihre grünen Mützen etwas den schwarzen Augenbrauen geneigt
einmal war es ein Neger mit gelocktem grauem Haar wie ein Riese
und hatte sich an die Tür der Bank gelehnt
und seine Mitrailleuse zwischen den offenen Beinen auf dem Boden
einmal las sie meine Gedichte im Fernsehen ohne seine Pistole vom Gürtel abzunehmen
diese die größte Schauspielerin Kubas
in einem weißen Cadillac fuhren wir in Havanna ein
in einem solchen Auto sitze ich zum ersten Mal in meinem Leben
es ist kein Wagen sondern Ozean
sein Millionär sei nach Miami geflüchtet
der Thron des Zaren fiel mir ein
mit neunzehn setzte ich mich im Kreml darauf und ließ mich
fotografieren er war gehüllt

 

II
wie ein Hautpullover ganz klebrig geschwitzt klebt die Hitze an meinem Rücken
von 24. Stockwerk des Hotels schaue ich in die Stadt während der nächtlichen Zeit
was ich sehe gleicht einem Meer in das die Sonne scheint
es leuchten gelbe blaue violette grüne Fische Funke um Funke
und die riesen Käfer mit weißen Perlmutten
und die Felsen mit den Halbtier Halbpflanzen langen flaumigen roten Blumen
im 24. Stockwerk des Hotels höre ich die Stadt während der nächstlichen Zeit
die stand in den Liedern versunken
die Lieder in der Erde dem Stein dem Blatt
die Lieder wie vibrierende Hitze in der Erde dem Stein dem Blatt
in der Luft wie Stickstoff und ähnliches die Lieder
die Lieder die Schale das Fleisch der Kern der Früchte
der Duft der Blumen die Lieder
die Lieder Spanien Arabien Afrika
die Lieder in den Augen den Hüften der Frauen
die Lieder die warmen Hände der Männer
die Lieder die Beine die Taillen die Schultern der Tänzer
mit dem Aufzug fahre ich zur Vorhalle
Bauernmädchen im Aufzug von den Dorfgebieten Bayamo der Provinz Oriente
in die Stadt gekommen nähen zu lernen
wohnen in den Appartements des Hotels Habana Libre (Freies Havanna) an deren Wänden Schatten von Millionären hinterlassen
der frühere Name des Hotels Hilton
24 Million habe es gekostet
im Aufzug Dorfmädchen von der Provinz Bursa den Dörfern Ankaras
was habt ihr Mädchen in Istanbul zu suchen wie haben sie euch Mädchen im Hilton erlaubt
aber Hilton ist nicht mehr Hilton sagen sie man nannte ihn schon lange um zum Freien Istanbul
und legen ihre mit Henna gefärbten Hände auf den Mund und lachen
auch die Gutsherren sind geflüchtet mit Amerikanern
und die Ländereien
sie haben wir unter uns geteilt

 

in der Halle sah ich Ivanof den Aleksej Wasiljewitsch
seine Lederjacke auf den Schultern gelegen
am Gürtel die Nagaika
Stiefel an den Füßen
mit goldfadenem langen Schnurbart
erzählt dem schwarzen Wächter unter dem Bild Castros wie sie in Petrograd den Winter-Palast stürmten
in Wahrheit starb Aleksej Wasiljewitsch 1941 während der Verteidigung von Moskau
1941 starb Aleksej Wasiljewitsch sein grauer Schnurrbart voller Blut
es schneit
Schlitten fahren vorbei die Schnee Spur um Spur zeichnend die den Holz Fußboden der Tiverskoi Straße bedecken
Alizade aus dem Kaukasus trat in die Halle ein mit seinem Lezginka mit seiner Persianerpelzmütze seinem Handschar den silbernspitzigen Patronen auf seiner Brust und noch mit den immer noch schmerzenden zwei Wunden als Andenken von Wrangel zugefügt
mit einem los! würde er den Scheich Schamil Tanz beginnen und die Mädchen Havannas würden die Finger im Mund beißen
in Wahrheit sah ich Alizade vor drei Monaten in Baku aus seinem zwei farbigen Volga-Auto aussteigen alt geworden
es war schwer ihn zu erkennen
Delegierte in der Halle
jene die gestern in Havanna ankamen
aus Argentinien Chile Eguador Brasilien Italien Indien Madagaskar Finnland Tschechoslawakei
der Franzose Jean-Pierre spricht mit dem Delegierten von Martinique
ich weiß aber Jean-Pierre starb an den Toren Madrids von Hitlers Panzern zertreten
aber Jean-Pierre steht vor mir sein Gesicht ohne Falten wie ein Apfel
und dazu noch rot geworden
wegen der Kälte vielleicht
in jenem Jahr 1922 ist die Kälte in Moskau 27 Grad unter Null
in diesem Jahr 1961 ist die Hitze in Havanna 35 Grad über Null

 

III

 

ich laufe durch die Straßen Havannas umher
verwechsele den Asphalt mit den Bäumen
schwer die Autos vom Asphalt zu unterscheiden
den Regen von der Sonne
die weißen Wolken von den blitzblauen Schwimmbecken
ich verwechsele die Frauen mit den Früchten
die Kindergärten mit der Freiheit
schwierig die Freiheit und die Menschen dieser Stadt voneinander zu unterscheiden
die Mitrailleusen verwechsele ich mit den Türen mit und ohne Säulen Eisen Holz Glas alle großen und kleinen Türen zu Straßen mit Mitrailleusen Mitrailleusen
die Barrikaden aus Sandsäcken verwechsele ich mit dem Atlantik
schwierig die Morgenröte die die Phantome amerikanischer Flugzeugträger beobachten und die Barrikaden aus Sandsäcken voneinander zu unterscheiden
die Bauernmütter verwechsele ich mit dem Präsidenten-Palast
die Monumenten Statuen Büsten Jóse Martins verwechsele ich mit den Fotos von Fidel besonders seinen Steindruckbildern
ich verwechsele Fidel mit den Liedern die Internationale den Cha-Cha-Cha den Pacenger mit Fidel
somos socialistas palante palante
ich verwechsele hunderttausend Menschen die sich auf einem Platz in einer Reihe hintereinander aufstellend ihre Hände miteiander auf den Rücken legend Rumba tanzen mit Fidel
schwierig Fidel und Havanna voneinander zu unterscheiden
Ich begegne Marx auf den Bücherdeckeln zwischen Ananas und Mambo und begegne Marx mit seinem hohem Bart neu von der Sierra Berg angekommen
Lenin begegne ich jeden Tag noch öfter begegne ich Lenin in den winzigen roten Sternen aus den sonnigen Mauern und inmitten des Spanischen
auf der hohen Holztribüne den Arm nach vorn gestreckt spricht er auf dem Roten Platz
zwischen den kubanischen Fahnen Lenin
ich begegne Nikita in den Reimen der Lieder
und Kennedy begegne ich mit seinen künstlichen Glatthai-Zähnen
den Resten von Packpapier begegne ich angenagelt an diesen oder jenen Toren der Banken und Fabriken
und auf ihnen oft mit roter Tinte Nacionalizado geschrieben
und ich begegne Bauern
auf der rechten Hand die Besitzurkunden der Ländereien und Genossenschaftsausweise auf der linken Hand
und so in einem Zustand als befänden sie sich in einem Traum
manchen von mehr als 50 Millionen Bäumen und zehntausend Schulen die die Revolution errichtete begegne ich
ich begegne Architekten
ich begegne Architekten die von der Sonne dem Mond den Sternen besser gesagt von einer sehr sehr viel mehr glücklich gelebten Welt sagen wir vom Zentrum des einundzwanzigsten Jahrhundert kommen und deren Schnurrbart eben gesprossen
Gärten und Häuser bauen sie aber in solchen Formen Farben Gemütlichkeiten daß die Augen des Menschen bis heute in keinem Ort der Erde gesehen hat
die Häuser sind nicht wie die Fertigkleidungen sagen wir daß ein Fischer-Haus kein Haus ist sondern eine Juwelen- Schatulle nicht dem anderen ähnlich
daß die Architekten der sozialistischen Revolution so viele so schöne und noch dazu sofort zu sagende Worte hatten für die Arbeiter die Bauern die Intellektuellen in Kuba
und wie sie die Hitze in die Frische und die Dunkelheit in das Licht zu verwandeln wissen
ich begegne Arbeitern
niemand ist wie sie mit solchem Vertrauen durch ihre Straßen gegangen seit Havanna Havanna wurde
und ich bin jeden Tag etwas jünger in Havanna
jeden Tag etwas mehr verliert mein Mund die Bitterkeit der Welt
jeden Tag werden die Linien meiner Handflächen etwas weicher
und ich glaube jeden Tag etwas mehr daran daß die Frau in sehr weiten Fernen an mich nur an mich denkt
und jeden Tag etwas mehr fröhlicher gehe ich singend durch die Straßen Havannas
somos socialistas palante palante

 

Im Sommer 1961 in Havanna begonnen
in Moskau zu Ende geschrieben

 


Übertragen aus dem Türkischen von Necati Mert

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

von KUNST LITERATUR KUNST AM BODENSEE - veröffentlicht in: Türkische Literatur - Community: art & lyrik
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Saturday, 17. december 2011 6 17 /12 /Dez. /2011 02:47

Sven Pfrommer – an der Grenze des Entschlüsselbaren

Posted on | Juni 18, 2010 | No Comments

image511 e1270039398886 Sven Pfrommer an der Grenze des Entschlüsselbaren
Sven Pfrommer’s Werke wirken wie eine Demonstration des Zusammenspiels von Auge und Hirn im Prozess des Sehens. Es thematisiert visuelle Wahrnehmung an der Grenze des optisch (und neurologisch) noch Entschlüsselbaren. Hier von Sven Pfrommer “Human Blur Red” (2009), Giclée auf Künstlerleinwand, 2009. Limitierte Auflage 199 Exemplare, nummeriert und signiert. Auf Keilrahmen gespannt. Format 120 x 60 cm. EUR 450. Für Bestellungen klicken Sie hier: Anfragen an Art Galerie Nolden/H – Paris

Der namensgebende Effekt des “Verschwimmens” und “Verwischens” führt zu einer schemenhaften Abstraktion, die, wäre sie um ein Geringes weitergeführt, nur noch Flecken und Farben übrig ließe. So aber erkennt man die abgebildete Menschengruppe noch mühelos – und “färbt” zugleich den Sinneseindruck emotional ein (ein Effekt, der “Human Blur Blue” weitaus kühler erscheinen lässt als die Version “Human Blur Red”). Sven Pfrommer: “Human Blur Blue” (2009), Giclée auf Künstlerleinwand, 2009. Limitierte Auflage 199 Exemplare, nummeriert und signiert. Auf Keilrahmen gespannt. EUR 450. Bestellen Sie hier: Anfragen an Art Galerie Nolden/H – Paris

image521 e1270039518900 Sven Pfrommer an der Grenze des Entschlüsselbaren

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Wednesday, 14. december 2011 3 14 /12 /Dez. /2011 23:01

 

Wann immer meine gefangene Seele von Dir träumt
Verfallen die Mauern meiner Seele
Das Firmament erleuchtet
Vögel steigen von meiner Brust empor

Wann immer meine schweigsame Zunge ein Lied anstimmt
Werden die welken Blüten meines Gemüts berieselt
Das Fenster zu meinem Innersten öffnet sich
Meine Augen leuchten vor Ekstase

Jeder Gedanke führt zu Dir
Liebe – führt zu Dir
Tod – führt zu Dir
Meine Seele begegnet Dir

Wann immer meine gefangene Seele von Dir träumt
Verfallen die Mauern meiner Seele

 

 

 

Murat KAYALI

 

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von Bodensee Kültür - Sanat - Edebiyat Sitesi - veröffentlicht in: Gedichte - Community: art & lyrik
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Tuesday, 13. december 2011 2 13 /12 /Dez. /2011 12:09

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während es draußen schneit
sitze ich hier am Feuer
und lausche dem Märchen meiner Seele
dabei erwacht mitten in der Nacht die Sonne in meinem Herzen
ungeachtet vom Winter
bin ich verliebt
zu allen vier Jahreszeiten bin ich verliebt in dich
während der Regen von den Dächern tropft
beobachte ich die Tropfen am Fenster
und lausche dem Märchen meiner Seele
dabei blüht mein farbloses Wesen auf
ungeachtet vom Herbst
bin ich verliebt
zu allen vier Jahreszeiten bin ich verliebt in dich
während mich die Düfte der Blumen erreichen
schlendere ich durch die alten Gassen
und lausche dem Märchen meiner Seele
dabei werden die Vögel zu Freunden und die Wolken zu Weggefährten
ungeachtet vom Frühling
bin ich verliebt
zu allen vier Jahreszeiten bin ich verliebt in dich
während sich die Sterne in meinem Wein spiegeln
liegt mir der Trübsinn wirklich fern
und ich lausche dem Märchen meiner Seele
dabei werden die Tage zu Festtagen und das Leben ein Genuss
ungeachtet vom Sommer
bin ich verliebt
zu allen vier Jahreszeiten bin ich verliebt in dich

 

 

 

 

 

Murat KAYALI

 

 

 

 

 

 

 

von Bodensee Kültür - Sanat - Edebiyat Sitesi - veröffentlicht in: Gedichte - Community: art & lyrik
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Monday, 28. november 2011 1 28 /11 /Nov. /2011 00:20

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von Bodensee Kültür - Sanat - Edebiyat Sitesi - veröffentlicht in: Film-Event-Sonstiges - Community: art & lyrik
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Thursday, 24. november 2011 4 24 /11 /Nov. /2011 19:45

 

 

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Biographie Gonca Özmen

Portrait Gonca Özmen

Geburtsdatum: 07.09.1982

Geburtsort: Burdur, Türkei

Wohnort: Istanbul, Türkei

Gonca Özmen (*1982, Burdur, Südtürkei) studierte Anglistik an der Üniversität Istanbuls wo sie auch momentan promoviert.

Ihr erstes Gedicht wurde 1997 veröffentlicht, als sie erst 15 Jahre alt war und zwei Jahre später bekam sie den Ali Riza Ertan Poesiepreis. Im Jahre 2000 erschien ihr erster Gedichtband, Kuytumda, das mit dem Orhan Murat Ariburnu Preis für Poesie ausgezeichnet wurde. 2003 bekam sie auch den Berna Moran Poesiepreis der Üniversität Istanbuls. Ihr zweiter Gedichtband Belki Sessiz erschien 2008.

Gonca Özmen lebt in Istanbul

 

 

 

 

STILL VIELLEICHT

Wald macht sich zur nacht zurecht 
Legt langsam sein grün ab, langsam

Traum eines vogels, einer wolke untergemischt

Wind redet wieder über die felsen
Wind spricht von allem, was er bereist und gesehn hat

Vielleicht fallen dieses mal wörter, sag ich
Strömt das verlangen der haut mit dem regen

Vielleicht irren gebetsrufe, tode im zeitpunkt
Wie dem auch sei, es blüht der abgetrennte arm eines kinds

Hey welt, kleiner und kleiner bist du in uns geworden

Pausenlos häuft sich der wortschlamm
                 am boden des sees
Verliert alles den laut, pausenlos

 

 

 

 

 

DIE WOLKEN NIMM WEG

Innenhof werde, so nach und nach
So ist es schon besser

In deinem mund sorg für frische
Die sprache der fenster erlerne

Schau, das dach des verstehens ist in keinem haus dicht
Entziffere mich
Den klang aller laute dreh um

Überhaupt, wer hat uns die laute so beigebracht
Wer hat das himmelsgewölbe gezeichnet

Gehst du, zerlaufen entfernte städte auf meinem gesicht
Sprichst du, zerläuft in allen wassern mein stillsein 

Die nacht über dir, nimm sie weg
So ist es schon besser

Heb einen traum auf für deine haut
In der leere im wort, dort breite dich aus

 

 

 

 

MAULBEERENHAIN

Komm richtung maulbeerenhain
Weg von den häusern

Schweigen lehren werde ich dich
Auch die sorge der äste

Wo du dich verminderst, dort werd ich dich küssen
Wo die natur sich vermindert

Geh über das flachland
Komm richtung maulbeerenhain
Zwischen die gräser

Den sturm hören lassen werde ich dich
Den schrei von teschup

Hinter dem wasserlauf werde ich
Doch wieder warten auf dich

Geh über den acker
Weiter, komm weiter
Zum maulbeerenduft

Die ameisen zeigen werde ich dir

 

 

 

von Bodensee Kültür - Sanat - Edebiyat Sitesi - veröffentlicht in: Gedichte - Community: art & lyrik
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Thursday, 17. november 2011 4 17 /11 /Nov. /2011 23:17
"I am refractive and my art is the refraction of my life." Murat Saygıner is a visionary artist who works in the fields of art photography and computer graphics, and is also known as a digital artist. Born in Prague in 1989, Murat Saygıner studied in Paris during his childhood and graduated from Lycee Charles De Gaulle high school in Ankara. He got involved with photography in 2007 and won several international awards. In 2008 his works were selected for ''IPA BEST OF SHOW'' exhibition in New York. In 2010 he was awarded Emerging Talent of the Year in the Worldwide Photography Gala Awards. He is currently living in Istanbul2011.

The Photo Paper, Default Magazine

2010 Blur Magazine, Camera Obscura, PX3 2009 Annual Awards Book
2009 Fotokadraj, FotopyaMag, Digital Arts, PhotoshopMagazin, Photo Digital, Trierenberg Super Circuit Annual Awards Book
2008 Fotoritim, Milliyet, IPA 2008 Annual Awards Book, Embrosyst
2007 InCity, Bak Magazine, BooDergi, Tochka2010 WPGA Annual Pollux Awards
Emerging Talent of the Year
1st prize - Fine Art
1st prize - Digital Manipulation
1st prize - Portrait
1st prize - Advertising
2010 PX3 Prix de la Photographie Paris
1st prize - Portraiture - Personality
2010 Trierenberg Super Circuit
Goldmedal - Special Themes - The Magic of Colours
2009 Pilsner Urquell International Photography Awards
3rd prize - Editorial - Personality
3rd prize - Fine Art - Collage
2009 PX3 Prix de la Photographie Paris
1st prize - Advertising - Music
3rd prize - Fine Art - Digitally Enhanced
2009 Trierenberg Super Circuit
Goldmedal - Special Themes - Painted With Light
2008 Pilsner Urquell International Photography Awards
1st prize - Editorial - Personality
1st prize - Advertising - Music
3rd prize - Advertising - Other
3rd prize - Special - Digitally Enhanced

E
xhibitions
2012 - "WPGA Polux Awards Annual Exhibiton"
The Palais de Glace, Buenos Aires, Argentina
2011 - "A Dream in Color"
Art Works, The Jane Sandelin Gallery, Richmond, VA
2011 - "A Dream in Color"
Capital One Corporate Gallery, Richmond, VA
2010 - "A Dream in Color"
Embassy of Guatemala, Washington DC
2008 - "IPA Best of Show"
Splashlight Studios, SOHO Gallery, New York

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Year: 2008
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Price:

Title: Akbal
Year: 2011
Medium: Fine Art Print on Dibond
Edition: 1/13
Size: 80 x 120 cm
Price:
Title: Art Needs No Words
Year: 2008
Medium: Fine Art Print on Dibond
Edition: 1/13
Size: 80 x 120 cm
Price:
Title: Serenity
Year: 2007
Medium: Fine Art Print on Dibond
Edition: 1/13
Size: 80 x120 cm
Price:

Title: The Refractive Map of a Flying Fish
Year: 2010
Medium: Fine Art Print on Dibond
Edition: 1/13
Size: 90 x 160 cm
Price:
Title: Flame of Hope
Year: 2009
Medium: Fine Art Print on Dibond
Edition: 1/13
Size: 80 x 120 cm
Price:
von Bodensee Kültür - Sanat - Edebiyat Sitesi - veröffentlicht in: Kunst - Community: art & lyrik
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Wednesday, 16. november 2011 3 16 /11 /Nov. /2011 23:52

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Friday, 12. november 2010 5 12 /11 /Nov. /2010 21:05

Taswir – Islamische Bildwelten und Moderne

 

 

Was hat eine Zeichnung von Rebecca Horn mit einer persischen Miniatur aus dem 16. Jahrhundert, eine Installation von Mona Hatoum mit einem Wasserkrug aus geschnittenem Bergkristall aus dem 12. Jahrhundert und ein Picasso mit der goldenen Schrift eines andalusischen Koranmanuskripts gemeinsam? Kann man zeitgenössische Kunst von internationalen Künstlern überhaupt in Bezug zu einer islamisch geprägten Kunst setzen?

Wer glaubt, dass eine »moderne« und eine »islamische«, sprich religiös geprägte Kunst keinen gemeinsamen Nenner haben können, da es sich bei diesen beiden Begriffen um grundsätzlich konträre Welten handelt, der sollte die Ausstellung »Taswir – Islamische Bildwelten und Moderne« im Berliner Martin-Gropius-Bau besuchen. Es geht dabei nicht um eine Konfrontation von religiöser und säkularer, sprich, moderner Kunst. Vielmehr wird klar, dass die Werke osmanischer, persischer, arabischer und indo-islamischer Provenienz sich mit ähnlichen Fragen beschäftigen, wie zeitgenössische Künstler es tun, die hier mit fünfzig Gegenwartskünstlern aus Iran, Ägypten, Palästina, Deutschland, China, Libanon und weiteren Ländern vertreten sind.

Picasso und der Koran

»Man kommt aus dieser Ausstellung und hat keine Seiten mehr«, erklärt die Kuratorin Almut Bruckstein Coruh, »kein rechts und links, kein Ost und West, und ja: noch nicht einmal klassisch und zeitgenössisch.« Will heißen, es gibt keine Chronologie und keine Hierarchie. Es geht auch nicht darum, wie zeitgenössische Künstler wie Parastou Forouhar, Murat Morova, Taysir Batniji und Nalini Malani ihre islamischen Wurzeln bearbeiten. Vielmehr rückt die Kuratorin die islamischen Werke in die Gegenwart und inszeniert eine sinnliche und intellektuelle Begegnung auf Augenhöhe.

Am Anfang ist der Koran. Im ersten der achtzehn thematisch angelegten Räume wird man von mehreren seltenen Koran-Manuskripten empfangen. Gleich nebenan umgibt den Besucher eine riesige Wand von einem golden leuchtenden andalusischen Koranmanuskript. Dazu Picassos rote Übermalungen eines handschriftlichen Gedichtzyklus’ von Pierre Reverdys »Le chant des morts«: Picasso interveniert mit roter Farbe in Reverdys Manuskript und setzt rhythmische Akzente in Form von Linie und Punkten, Pause und Nachdruck hinein. Im Hintergrund ertönen Koran-Gesänge, die die Botschaft der Schrift in einem körperlichen Akt realisieren. »Qur’an« bedeutet auf Arabisch »das zu Rezitierende« und die erste Offenbarung an Mohammad lautete »Iqra’! – Lies! Rezitiere!« Der Koran ist ein Text, der gesungen und rezitiert werden will. Dazu ein Zitat von Goethe: »Nur nicht lesen, immer singen!«

Was vielleicht zunächst wie eine Assemblage nach rein ästhetischen Kriterien wirkt, entpuppt sich beim genaueren Hinschauen als ein fein ausgearbeitetes System von Referenzen: Die Werke verweisen aufeinander und erklären sich dabei gegenseitig. Die Kombination des Heiligen Buches mit einem Picasso – eine Provokation? »Hätte ich gewusst, dass es eine islamische Kalligrafie gibt, hätte ich niemals angefangen zu malen.« Dieses Zitat von Picasso begegnet uns im nächsten Raum: So gehen die Räume ineinander über, stehen aber auch jeder für sich allein, wie eine Art Mikro-Kosmos. Es ist gleich, mit welchem Raum man beginnt; es gibt kein Anfang und kein Ende, die Mitte ist überall. Die Themen sind nicht scharf umrissen, die Bezüge weisen sich auf.

Im Raum »Light Sentence« überragt die gleichnamige Installation von Mona Hatoum den Eingangsbereich: Quadratische Gitterkäfige aus Draht wirken bedrohlich, streng, aber zugleich durchlässig. Sie erinnern an die Albträume von Guantanamo-Häftlingen, die von tagelanger Licht-Folter, Schlaflosigkeit und der erdrückenden Enge ihrer Käfig-Gefängnisse berichten. Hier wird das Ornament weniger als dekorative Verschönerung verstanden, sondern geometrische Strukturen und symmetrische Ordnung verweisen auf Erfahrungen von Klaustrophobie, Enge und Gewalt.

Der Idee, dass der Islam figurative Darstellungen streng verbiete, stellt die Ausstellung zahlreiche Miniaturen mit Darstellungen aus den klassischen persischen Liebesgeschichten entgegen. Doch der Kuratorin geht es hier nicht um die »völlig polemische Frage nach dem so genannten Bilderverbot«, sondern um die Begegnungen von Dichtung und Malerei über poetische Metaphern. Die Miniaturen beziehen sich auf die visuelle Vorstellungskraft der Dichtung: Auf einer Miniatur betrachtet Schirin das Porträt ihres geliebten Chosrou, umgekehrt tut Chosrou dasselbe auf einer anderen Miniatur. Die Porträts von Chosrou und Schirin sind innerhalb der Miniaturen deutlich erkennbar. Überhaupt scheint das Motiv des Bildnisses im Bild ein wiederkehrendes in den persischen Miniaturen zu sein.

Im Raum »Prophet und Porträt« zeigen verschiedene Miniaturen den Propheten mit verhülltem und unverhülltem Gesicht: Auf einer indischen Miniatur aus dem 18. Jahrhundert trägt er einen Hut nach portugiesischer Mode. Da stellt sich die Frage nach Moderne und Globalisierung noch einmal neu. Die Kuratorin erklärt, warum islamisch geprägte Kulturen zwar figurative, aber keine naturalistischen Abbildungen kennen: »In den Miniaturen agiert die Metapher als Barriere für den direkten, nackten Zugriff auf das menschliche Modell. Auch in Texten von muslimischen Denkern wie al-Ghazali, Averroes und Ibn Arabi äußert sich eine Kritik an der naturalistischen Malerei.« Eine Kritik, die die Selbstreflexion der europäischen Malerei der Moderne bis heute bestimmt.

Im Zusammenspiel mit den Werken aus der internationalen Kunstszene wirken die islamischen Exponate plötzlich zeitlos: Die Werke kommunizieren und erklären einander. Islamisches Bildverständnis zielt ins Abstrakte. Plötzlich lässt sich modernes Denken und Modernität auch aus islamisch geprägten Werken ableiten. Und spätestens hier wird klar, dass es eine »islamische« Kunst nicht gibt, denn diese Werke leiten ihre Doktrin nicht aus religiösen Fragestellungen ab. Bruckstein entzieht durch ihre Methode des kuratorischen Arbeitens jeglichem Kategoriedenken den Boden: Die Objekte werden nicht den Kontexten von historischen Epochen oder formalen Kategorien und damit Begriffen zugeordnet, die von der europäischen Orientalistik konstruiert wurden.

Moderne Fragen in islamischen Kunstwerken

So manch einer mag darin eine Gratwanderung oder gar einen »Gewaltakt« an den Objekten sehen. Dazu erklärt die Kuratorin: »Das Spannende ist ja, dass meine Methode des kuratorischen Arbeitens dem Prinzip des Zitats entspricht. Und das Zitat ist doch genau das, was eine traditionelle Lektüre der Dinge tut. Die allerkonservativsten Überlieferungsformen, wie ein Hadith oder ein Midrasch, bedienen sich des Zitats.« Der philosophisch-dekonstruktivistische Ansatz Brucksteins gibt der gesamten Ausstellung aber auch eine politische Farbe. Es gibt kein »hier« und »dort« mehr, kein »wir« und »ihr«.

»Für die westliche Orientalistik gibt es nur eine Ordnung, und das ist die kulturelle Andersartigkeit, darauf beruhen ihre Kategorien. Diese von Europa aus historisch konstruierten Ordnungen sind so selbstverständlich, dass sie sich selbst nicht mehr reflektieren. Und die Geste des Zitats untergräbt diese Denkkategorien«, resümiert Bruckstein Coruh. »Deswegen ist diese Ausstellung auch nicht ein Dialog zwischen den Kulturen, denn der Dialog setzt zwei gegensätzlich geprägte kollektive Seiten voraus.«

 

 

 

Nimet Seker

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